1873-1890

Der Anfang

Die Draht- und Stiftfabrik Witte & Kämper

Am 1. Januar 1873, wenige Tage nach dem Erwerb eines etwa 600 m2 großen Grundstücks am Nonnenpfad, gründen zwei ­Herren in Osnabrück eine gemeinsame Firma: Hermann Kämper hatte seine Stellung als technischer und kaufmännischer Leiter eines Drahtwerks im westfälischen Hamm aufgegeben, um Unternehmer zu werden, und glaubte in Julius Meyer einen gleich­gesinnten und finanzkräftigen Partner gefunden zu haben. ­Geplant war zunächst der Aufbau und Betrieb einer Draht- und Stiftfabrik mit eigenem Puddel- und Walzwerk.

Hermann Kämper hatte in seiner bisherigen Laufbahn die erforderlichen technischen und kaufmännischen Kenntnisse im Eisengeschäft erworben und brachte alle guten Voraus­setzungen für den Erfolg seines Vorhabens mit. Die Entscheidung für den Standort Osnabrück war eine Folge sorgfältiger wirtschaftlicher Überlegungen. Zum einen lag Osnabrück frachtgünstiger zu den Seehäfen Bremen und Hamburg als die Standorte der konkur­rierenden Drahtwerke in Westfalen – angesichts der hohen deutschen Export­zahlen für Draht nach den USA und Argentinien ein entscheidender Vorteil. Außerdem war Arbeitskraft aufgrund des niedrigeren Lohnniveaus generell billiger zu bekommen als in den Städten der west­fälischen Drahtindustrie. Schließlich garantierte die Nähe der Georgs-Marienhütte in Osnabrück eine örtlich und qualitativ günstige Bezugsquelle für Roheisen zu Puddelzwecken.

Trotz aller positiven Voraussetzungen sollten Kämpers Hoffnungen schon bald empfindlich getrübt werden; eine lange Reihe schwerer Rückschläge bestimmen die Aufbauphase des jungen Unternehmens.

Bereits nach wenigen Monaten – die Bau- und Einrichtungsmaßnahmen am Nonnenpfad sind in vollem Gange – erweisen sich die finanziellen Möglichkeiten von Julius Meyer als völlig unzureichend für die gemeinsamen Pläne. Erst nach zähen Verhandlungen kann Kämper ihn durch Zahlung einer beträchtlichen Abfindung zum Rücktritt vom Gründungsvertrag bewegen. Finanzkräftigere und fachkundige Partner findet Kämper aber bald in den Osnabrücker Brüdern Carl und ­Hermann Witte. So kommt es am 1. Juli 1873 zur Gründung der Draht- und Stiftfabrik Witte & Kämper, dem direkten Vorläufer der Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerke, der späteren kabelmetal und der heutigen KME.

Das Unternehmen übernimmt die inzwischen fertiggestellten Fabrikanlagen am Nonnenpfad, und noch im Monat der Firmengründung geht die Drahtzieherei in Betrieb; etwa 70 Mitarbeiter ziehen hier täglich 5 Tonnen Eisendraht. Zwei Monate ­später nimmt auch die Stiftfabrik ihre Produktion auf, wo gut 60% der gefertigten Drahtmengen zu Stiften verarbeitet werden.

Schon bald sind die Auswirkungen der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklungen deutlich spürbar. Dem Einigungskrieg gegen Frankreich von 1870/71 war im Deutschen Reich mit den Gründerjahren eine Phase übertriebener Spekulationen gefolgt, die im Herbst 1873 – also zeitgleich mit den ersten Schritten der Firma Witte & Kämper im Markt – abrupt im ­sogenannten „Gründerkrach“ endete. Was war geschehen? Frankreich, nach dem Einigungskrieg zu Reparationszahlungen in Höhe von 5 Milliarden Franc verpflichtet, hatte die gesamte Summe bereits bis Mai 1873 vollständig an das Deutsche Reich gezahlt. Dieser unerwartet starke, nach Anlage drängende Liquiditätszuwachs führte gemeinsam mit weiteren 762 Millionen Mark aus der Währungsreform von 1871 zu einer Konjunkturüberhitzung mit verheerenden Auswir­kungen. Die Folgen: rapide fallende Preise und Zinssätze; Zusammenbruch zahlreicher Unternehmen. Die wirtschaft­liche Entwicklung bleibt bis 1879 geradezu gelähmt, danach folgt bis 1894 eine Phase mit nur zaghaftem Wachstum.

Auch die technische Entwicklung gibt den eisenerzeugenden und   -verarbeitenden Klein- und Mittelbetrieben nicht gerade Grund zur Freude. Das seit der Jahrhundertwende eingesetzte Puddelverfahren, mit dem das aus dem Hochofen gewonnene Eisen durch Entkohlung schmiedbar gemacht und somit dauerhaft geformt werden konnte, verliert innerhalb weniger Jahre aufgrund einer Revolution des Eisenhüttenwesens immer mehr an Bedeutung. Mit Bessemerbirne, Thomas-Verfahren und Siemens-Martin-Verfahren wird der Schritt in die rentable Massenfertigung vollzogen, was vielen herkömmlichen Eisenverarbeitern – wie auch der Firma Witte & Kämper – schwer zu schaffen machen sollte.

Aufgrund der schwierigen Ertragslage verschiebt sich die ­Inbetriebnahme des Puddel- und Walzwerks auf Anfang 1875. Für die angeworbenen Puddler und Walzmeister werden Werkswohnungen errichtet; das Puddelwerk arbeitet zufriedenstellend. Aber das Walzwerk bereitet schier unlösbare ­Probleme. Erst mit erheblicher Verspätung kommt es in Gang und funktioniert von Anfang an qualitativ völlig unzureichend; die erforderliche Abstimmung mit dem Puddelwerk kann nicht erreicht werden. Die gefertigten Drahtknüppel müssen deshalb zum Teil zu ruinösen Preisen an andere Weiterverarbeiter abgegeben werden, wogegen der dringend benötigte Draht viel zu teuer von Dritten eingekauft wird. Die Konsequenzen bleiben nicht lange aus. Das Unternehmen erwirtschaftet immer größere Verluste; die negativen Entwicklungen sollen schon bald zu tragischen personellen Veränderungen führen.

Die vielen Rückschläge waren an der Gesundheit Hermann Kämpers nicht spurlos vorübergegangen. Im Sommer 1877 stirbt der Mann, der viel Hoffnung auf eine Existenz als Unternehmer in Osnabrück gesetzt hatte, im Alter von 52 Jahren. Nur ein Jahr später gibt Carl Witte unter Verlust seiner ­gesamten Einlagen auf und hinterläßt seinem Bruder Hermann das schwer um seinen Bestand kämpfende Unternehmen als Alleininhaber.

In dieser Phase hat die Firma ihr Überleben vor allem zwei Herren zu verdanken, die nacheinander – der eine mit technischem Know-how, der andere mit unternehmerischem Weitblick – die entscheidende Wende herbeiführen und die erste gewinnversprechende Basis schaffen.

Der junge Ingenieur Richard Bernau hatte im Frühjahr 1877 seine Stellung bei Witte & Kämper angetreten, wo er die mangelhafte Koordination zwischen Puddel- und Walzwerk sowie eine unbefriedigend arbeitende Verzinkerei vorfand. Mit großem technischen Geschick gelingt es ihm nach und nach, diese Mißstände zu beseitigen und darüber hinaus die Produktionsleistung der Drahtwalze auf einen von der Konkurrenz unerreichten Höchststand zu steigern. Endlich können die Werke wie geplant arbeiten – endlich hat der Betrieb die entscheidenden Leistungsvorteile zu bieten. Aber kaum ist dieses Ziel erreicht, setzt sich die Tragik der frühen Firmengeschichte in der Person Richard Bernaus fort: Knapp vier Jahre im Dienst des Unternehmens stirbt der junge Mann im Alter von nur 26 Jahren an den Spätfolgen einer schweren Verwundung, die er sich während des Einigungskrieges zugezogen hatte.



Am 1. Juli 1880 wechselt der Ingenieur Emil Schemmann vom Osnabrücker Stahlwerk zu Witte & Kämper und übernimmt die Leitung des Unternehmens. Das Verhältnis zwischen Schemmann und dem Firmeninhaber ist von Anfang an durch un­eingeschränktes gegenseitiges Vertrauen bestimmt, und
die ­finanzielle Situation wird von vornherein gemeinsam gründlich analysiert. Schemmann, aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Bedingungen auch in seinen bisherigen Stellungen von positiven Zahlen nicht gerade verwöhnt, bietet sich ein trostloses Bild: eine Millionen Mark Verlust seit Gründung des Unternehmens. Beiden, dem Techniker Schemmann wie dem Kaufmann Witte, ist völlig klar, daß sie mit ihrem ganzen Mut und mit all ihren Fähigkeiten versuchen müssen, endlich eine gesunde Basis für die Rettung der Firma zu schaffen.

Während Witte durch Aufnahme von Darlehen bei Freunden und Verwandten neues Betriebskapital beschafft, macht sich Schemmann intensiv an die Steigerung der Effektivität in der Fertigung. Die allgemeinen Unkosten je Tonne Erzeugnis sollen durch höhere Produktionsmengen gesenkt werden.
Vor allem die Auslandsmärkte bieten dazu keine schlechten Voraussetzungen. Die Vereinigten Staaten haben einen ungeheuren Bedarf an rohem Walzdraht zum Weiterziehen; Argentinien benötigt massenhaft Draht für Einfriedungen. Das Erzeugnisprogramm wird ergänzt durch gezogene, geglühte und verzinkte Drähte für Unterseekabel. Ein Vertreter des Unternehmens in London hatte den Markt für diese Erzeugnisse bei den dortigen Kabelfabrikanten geöffnet.

Ermutigt durch die einsetzende positive Entwicklung beginnt man vorsichtig mit der Erweiterung der Fertigungsanlagen: Verdoppelung der Kapazität in der Glüherei, Ausbau der Verzinkerei und wesentliche Vergrößerung des Walzwerks. Die koordinierten Maßnahmen zeigen bald Erfolg; das Unternehmen arbeitet endlich mit – wenn auch bescheidenem – Gewinn.

Schon bald verlangt ein sich schnell verändernder Markt ein Überdenken der Unternehmensstrategie. In den Jahren zwischen 1880 und 1890 hatte der Absatz überwiegend im Ausland stattgefunden, von 80% des Gesamtumsatzes in der Mitte bis immerhin noch etwa 60% gegen Ende des Jahrzehnts. Als die Vereinigten Staaten allerdings zu dieser Zeit damit beginnen, selbst Walzdraht in eigenen Anlagen und mit ungeahnter Kapazität herzustellen, spielen die Auslandsmärkte plötzlich eine untergeordnete Rolle. Im Inland führt diese Entwicklung zu einer fatalen Reaktion. Um dem Ausfuhrstopp zu begegnen, vergrößern die deutschen Unternehmen ihre Ziehereien für die eigene Weiterverarbeitung ihrer Walzdrähte. Die negativen Konsequenzen bleiben nicht aus: Überkapazität, ruinöser Preiskampf, Bangen um die Existenz.

Die veränderte Marktlage, in Verbindung mit der bereits erwähnten technischen Revolution in der Eisenverarbeitung, führt Emil Schemmann zu einer Entscheidung, die bis heute wie kaum eine andere den weiteren Weg des Unternehmens bestimmt hat. Auf der Suche nach einer neuen zusätzlichen Produktion, die unter Nutzung der vorhandenen Betriebseinrichtungen aufgenommen werden kann, fällt Schemmanns Wahl auf einen in Zukunft äußerst wichtigen Werkstoff: Kupfer.

Am 1. August 1888 tritt der Ingenieur R. Mücke, der erste ­Kupferfachmann im Osnabrücker Betrieb, seinen Dienst an. Unter seiner Leitung werden ein Kupferwerk sowie eine ­eigene elektrolytische Scheideanstalt errichtet. Die Scheideanstalt ist zu diesem Zeitpunkt noch eine lohnende Einrichtung, da der Preis für elektrolytisches Kupfer deutlich über dem für gewöhnliches Kupfer liegt. Acht Jahre später, im Jahr 1896, sollte allerdings die Stillegung erfolgen, da inzwischen die sehr billigen Lieferungen elektrolytischen Kupfers aus den USA die Anlage unrentabel gemacht hatten.

Die hohen Investitionen im Walzwerk werden durch den Gewinn eines Großabnehmers erleichtert: Die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) in Berlin läßt über lange Zeit große Mengen amerikanischer Kupferbarren in Osnabrück zu Blechen und Drähten umformen.

Die Erträge des Kupferwalzwerks bleiben zu Beginn noch sehr bescheiden. Aber immerhin arbeitet das Unternehmen weiterhin mit Gewinn und – wie sich in Zukunft immer wieder bestätigen soll – mit einem Werkstoff, der noch viel Potential für die weitere Entwicklung bietet.



« zurück zur Jahres-Übersicht