Aufbruch ins 20. Jahrhundert
Der Weg zum Großunternehmen

Als der langjährige Vorstandsvorsitzende Schemmann am 1. April 1912 in den Aufsichtsrat wechselt, übernimmt der Ingenieur Ewald Moeller, knapp 36 Jahre alt, als alleiniger Vorstand die Leitung des Unternehmens. Moeller, ein urtypischer Unternehmer voller Vitalität und Tatendrang, führt das OKD mit Durchsetzungsvermögen und wegweisenden Entscheidungen um wesentliche Schritte in seiner Entwicklung nach vorn. Neben dem zügigen Ausbau vom mittelständischen Betrieb zum Großunternehmen verdankt die Firma ihm auch eine wichtige Ergänzung zur bloßen Eisen- und Kupferverarbeitung durch die Angliederung eines Kabel- und Leitungswerks.
Moeller formuliert sein Führungskonzept in sogenannten Aufbauplänen. Dem ersten aus dem Jahr 1912 sind sechs Grundsätze vorangestellt, die den Weg zum modernen Industrieunternehmen weisen und auch heute noch höchst aktuell sind:
1. Die allgemeinen Unkosten sind durch Erweiterung der Produktion zu senken.
2. Die Betriebseinrichtungen müssen modernisiert werden; neue Maschinen arbeiten billiger als alte.
3. Mit neuen, hervorragenden technischen und kaufmännischen Mitarbeitern sollen neue Verfahren und Methoden erprobt und realisiert werden.
4. Der Verdienst der Arbeiter ist zu heben. Mehr als bisher ist auf die Mitarbeit und den Nachwuchs von leistungsfähigen Facharbeitern zu achten.
5. Durch Einführung neuer Arbeitsmethoden und Betriebsmittel ist der prozentuale Lohnanteil an den Erzeugnissen zu senken, um so die unbedingte Konkurrenzfähigkeit des Werkes im
In- und Ausland zu gewährleisten.
6. Die Eigenherstellung von Ausgangsstoffen ist einzustellen, wenn sie billiger von anderen Werken bezogen werden können.
Die Geschwindigkeit, mit der Moeller seine Pläne durchsetzen will, steht zunächst in krassem Missverhältnis zur Finanzierbarkeit; Aufsichtsrat und Vorstand ringen ständig um das Gleichgewicht zwischen Anforderungen und Möglichkeiten. Der gespannte Zustand lockert sich allmählich, als das Moellersche Konzept Ergebnisse zeigt und das Unternehmen mehr und mehr Gewinne erwirtschaftet, mit denen der Aufbauplan weiterhin finanziert werden kann.
Moellers Einfluß macht sich nicht allein im kaufmännischen und technischen Bereich positiv bemerkbar; auch bei der gesamten Belegschaft genießt er uneingeschränkten Respekt. 1912 treten die Drahtzieher, die wie alle gelernten Arbeiter des OKD bereits vor der Jahrhundertwende gewerkschaftlich organisiert waren, wegen Differenzen in Lohnfragen sechs Wochen lang in Streik. Da die Drahtzieherei in den ersten fünfzig Jahren der Unternehmensgeschichte als Herz des Betriebs gilt, genießen die Drahtzieher einen besonderen Stand, den sie durch diesen Streik mit Nachdruck geltend machen. Während einer schließlich anberaumten Belegschaftsversammlung spricht Ewald Moeller zu den Streikenden und kann die Situation nach offener Klärung beider Positionen entschärfen. Der Weg zur diplomatischen Lösung des Konfliktes ist geebnet; am folgenden Werktag nehmen die Streikenden ihre Tätigkeit wieder auf.
