Licht und Schatten
Die Zeit zwischen den Kriegen
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs muß die Fertigung des OKD möglichst zügig von Kriegs- auf Friedensbedarf umgestellt werden; die Werke hatten zuletzt nahezu vollständig im Dienst der Kriegswirtschaft gestanden. Rohstoffmangel und unzureichende Brennstoffversorgung machen diese Aufgabe nicht gerade einfacher. Glücklicherweise sichert die vertragsmäßige Belieferung mit Walzdraht durch die Gutehoffnungshütte die Weiterarbeit in der Übergangszeit und somit eine dauerhafte Beschäftigung der Stammarbeiter.
Schon bald sorgt ein großer Auftrag für erhebliche Beschleunigung der Produktionsumstellung. Die Lokomotiven der Staatseisenbahnen waren während des Krieges in Ermangelung an Kupfer mit Feuerbuchsen aus Eisen ausgerüstet worden, die sich aber nicht bewährt hatten und jetzt möglichst schnell durch kupferne Buchsen ersetzt werden sollen. Bereits kurz nach Kriegsende hatte das OKD neben einem neuen Rohrwalzwerk auch ein Grobblechwalzwerk von 4.200 mm Ballenlänge zur Verarbeitung von 6.000 kg schweren Kupferblöcken – neue, bisher nur im Eisenhüttenwerk bekannte Dimensionen – bestellt. Dank dieser neuen Einrichtung und einer jetzt eigens für die neue Aufgabe angeschafften hydraulischen Kümpelpresse kann das Unternehmen sich als Lieferant der Reichsbahn für lange Zeit eine ertragreiche Beschäftigung sichern. Das zu verarbeitende Kupfer wird von der Metallgesellschaft in Frankfurt am Main beigestellt, was gerade im Hinblick auf die einsetzende Inflation und spätere Währungsreform eine entscheidende Entlastung vom Vorfinanzierungsrisiko bedeutet.
In den übrigen Fertigungsbereichen machen sich Rohstoffmangel und steigender Kapitalbedarf immer stärker bemerkbar. Der Vertrag mit der GHH über die Lieferung von Walzdraht kann 1919 zwar um zwei Jahre verlängert werden, allerdings unter der Bedingung Ware gegen Geld und ohne die bisherige Gewinnteilung. Im gleichen Jahr übernimmt die GHH eine Erhöhung des Aktienkapitals und hält damit, zusammen mit weiteren auf dem Markt erworbenen Aktien, 55% aller Anteile am OKD.
Auch in den folgenden Jahren bleibt die Kapitalbeschaffung ein zentrales Thema der Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen. Die Inflation bringt immer höhere Rohstoffpreise mit sich. Der Vorstoß in neue Erzeugnisprogramme macht Investitionen in Produktionsanlagen, Grundstücke und Gebäude erforderlich; der steigende Mengenumsatz verlangt nach entsprechend umfangreicher Vorfinanzierung.
Die beträchtlichen Investitionen betreffen aber nicht nur die Produktion. Bereits im Jahr 1915 war ein Unterstützungsfonds für die Mitarbeiter eingerichtet worden, der in den Nachkriegsjahren laufend ergänzt wird. 1920 beginnen die Baumaßnahmen für eine Vergrößerung der Badeeinrichtungen für die Belegschaft; 1921 wird ein größeres Wohnungsbauprojekt in Werksnähe in Angriff genommen.
Der anfangs immens hohe Bedarf an Lokomotivfeuerbuchsen geht bald erwartungsgemäß mehr und mehr zurück. Mit den für die Fertigung erworbenen Einrichtungen soll zunehmend Aluminiumhalbzeug produziert werden. Zeitgleich mit der Planung dieser Umstellung wird mit der Kostenkalkulation für Einrichtungen zur Herstellung isolierter Drähte und Leitungen begonnen.

Aufgrund der immer stärker spürbaren Inflation war es mehr und mehr zur Regel geworden, daß der Kunde dem OKD den erforderlichen Rohstoff – vor allem Kupfer – bei Auftragserteilung beistellt. Da allerdings nicht jeder Kunde über die entsprechenden Möglichkeiten verfügt und deshalb immer ein
gewisser Kupfervorrat für die Produktion vorhanden sein muß, wird im Januar 1922 die Einrichtung eines Reservebestandes und die Aufnahme eines dazu erforderlichen Bankkredites beschlossen. Die Vorratsmenge wird zunächst auf 1.300 Tonnen festgelegt. Bis heute wird dieser Rohstoffvorrat – obwohl es sich um Kupfer handelt – als „Eiserner Bestand“ bezeichnet.
Trotz der einschneidenden Auswirkungen der Besetzung des Ruhrgebietes bietet das 50jährige Firmenjubiläum am 1. Juli 1923 genügend Grund zur Freude. Das einen Tag zuvor abgelaufene Geschäftsjahr konnte mit beträchtlichem Gewinn abgeschlossen werden. Aufsichtsrat und Vorstand hatten deshalb eine Reihe großzügiger Zuwendungen beschlossen. Die Stadt Osnabrück kann eine größere Spende in Empfang nehmen; Mitarbeiter und Witwen ehemaliger Mitarbeiter erhalten Sonderzahlungen. Ein hoher Anteil der im Geschäftsjahr 1922/23 erwirtschafteten Gewinne wird in den Mitarbeiterunterstützungsfonds eingezahlt.
Das OKD verfügt an seinem 50. Geburtstag über ein beachtliches Produktionspotential. Die Betriebe umfassen neben einem Schmelzwerk mit Kupferraffinerie und Gießereien für Schwer- und Leichtmetalle mehrere Walz- und Ziehbetriebe, eine Prüfanstalt mit chemischen und physikalischen Abteilungen, eine Wärmeabteilung zur Überwachung der etwa 100 Hütten-Gießerei- und -Glühöfen sowie eine Bau- und Reparaturwerkstatt. Fertigungseinrichtungen für isolierte Drähte und Leitungen sind bereits bestellt, können aber wegen der Besetzung des Ruhrgebietes erst später geliefert werden. Die Jahresverarbeitung von Eisen und NE-Metallen beträgt etwa 34.000 Tonnen; die Belegschaft umfaßt über 2.000 Mitarbeiter – eine Zahl, die aufgrund der sich abzeichnenden Entwicklung in den folgenden Jahren erheblich reduziert werden muß.
In den Monaten nach dem Firmenjubiläum haben die Mitarbeiter, wie alle Bürger, immer mehr unter den Folgen der galoppierenden Inflation zu leiden. An den Zahltagen werden bald schwindelerregende Beträge in Millionen- und Milliardenhöhe ausgezahlt, die nur einen Tag später nahezu wertlos sind. Mit Hamsterkäufen am Zahltag wird daher versucht, den Lebensbedarf weitgehend zu decken – sofern Ware überhaupt verfügbar ist. Die Unternehmensleitung versucht soweit wie möglich, den Nöten der Mitarbeiter entgegenzuwirken. Es wird sogar der Kauf eines Gehöftes oder größerer Ländereien erwogen, um die Versorgung der Werksangehörigen mit Lebensmitteln zu erleichtern. Im November 1923 werden 40.000 Goldmark zur Beschaffung von Fetten bereitgestellt, die in den folgenden sechs Monaten auf die Werksangehörigen und deren Familienmitglieder zu verteilen sind.
Am 15. November 1923 erfolgt die Umstellung von Papier- auf Rentenmark. Am gleichen Tag erhält das OKD die schockierende Nachricht über die Zahlungsunfähigkeit der Reichsbahn und die nahezu vollständige Stornierung sämtlicher Aufträge. Mit einem Schlag war die Hoffnung dahin, sich noch für eine gewisse Übergangszeit mit der Herstellung von Lokomotivbauteilen eine solide Basis für die Fertigung sichern zu können. Zum Ausgleich für diesen Verlust wird in Behelfsbauten rasch der Betrieb des Kaltwalzwerkes aufgenommen. Dadurch kann sich das Unternehmen in erheblichem Umfang an der Herstellung von Münzplättchen für die neuen Rentenmarkmünzen beteiligen; aus der Not geboren entsteht so ein neuer, bis heute wirtschaftlich interessanter Produktbereich.
Dank dieser neuen Fertigung sowie einer erheblichen Vergrößerung der Kupferblechherstellung und der Aufnahme der Produktion von Blechen aus Aluminium und Messing können noch für einige Zeit Entlassungen vermieden werden, was immer eines der wichtigsten Bestreben des Vorstands war.
In den Geschäftsjahren von 1923/24 bis 1926/27 erleidet das Unternehmen massive Verluste, die auch alle angesammelten Überschüsse aufzehren. Eisen- und NE-Standarderzeugnisse erzielen keine Preise, die den hohen Fertigungskosten gerecht werden. Die Kaufkraft im Inland ist extrem geschwächt, die Absatzmöglichkeiten im Ausland sind stark eingeschränkt.
Die zunehmende Industrialisierung der Staaten, die in der Vorkriegszeit noch auf den Import von Industrieerzeugnissen angewiesen waren, macht sich ebenso negativ bemerkbar wie die neuen, hohen Zollschranken.
Um durch eine neue Produktion einen kleinen Ausgleich für diesen allgemeinen Trend zu schaffen, wird im September 1925 der lange geplante Bau eines Kabelwerkes als dritter Werksteil in Angriff genommen. Hier werden zunächst Schwachstromkabel, ab 1926 auch Starkstromkabel gefertigt. Aber die allgemeine Entwicklung im Markt fordert bald ihre Tribute. Entgegen seiner bisherigen Politik muß der Vorstand im Jahr 1926 erstmalig eine Reduzierung der Belegschaft beschließen. Ab August 1926 setzt sich die Zahl der Mitarbeiter aus 1.300 Arbeitern und 200 Angestellten zusammen; mit
dieser Mindestbelegschaft soll das Unternehmen zunächst weitergeführt werden, damit ein wirtschaftlich noch akzeptables Verhältnis zur Größe des Werkes gewährleistet ist.
Die neue Unternehmenspolitik zielt darauf ab, die mit großem Verlust arbeitenden Betriebe ganz einzustellen und dafür die günstiger arbeitenden voll zu belegen, wenn möglich sogar im Schichtbetrieb.
Zu den wirtschaftlich interessanteren Betrieben zählt in dieser Zeit auch die Kupferschmiede. Mit einigem Stolz präsentiert das OKD anläßlich der Werkstoffschau in Berlin 1927 zum Nachweis der Leistungsfähigkeit in der Werkstoffbearbeitung eine kupferne Riesensudpfanne mit einem Durchmesser von 5 m und einer Schalentiefe von 1,7 m – die bisher weltweit größte aus einem Stück gefertigte Pfanne. Obwohl zunächst überhaupt nicht an eine praktische Verwendbarkeit gedacht war, werden in den folgenden Jahren einige solcher Pfannen an bekannte Großbrauereien geliefert.

