1918-1939

Licht und Schatten

Die Zeit zwischen den Kriegen

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs muß die Fertigung des OKD möglichst zügig von Kriegs- auf Friedensbedarf umgestellt werden; die Werke hatten zuletzt nahezu vollständig im Dienst der Kriegswirtschaft gestanden. Rohstoffmangel und unzureichende Brennstoffversorgung machen diese Aufgabe nicht gerade einfacher. Glücklicherweise sichert die vertragsmäßige Belieferung mit Walzdraht durch die Gutehoffnungshütte die Weiterarbeit in der Übergangszeit und somit eine dauerhafte Beschäftigung der Stammarbeiter.

Schon bald sorgt ein großer Auftrag für erhebliche Beschleunigung der Produktionsumstellung. Die Lokomotiven der Staatseisenbahnen waren während des Krieges in Ermangelung an Kupfer mit Feuerbuchsen aus Eisen ausgerüstet worden, die sich aber nicht bewährt hatten und jetzt möglichst schnell durch kupferne Buchsen ersetzt werden sollen. Bereits kurz nach Kriegsende hatte das OKD neben einem neuen Rohrwalzwerk auch ein Grobblechwalzwerk von 4.200 mm Ballenlänge zur Verarbeitung von 6.000 kg schweren Kupferblöcken – neue, bisher nur im Eisenhüttenwerk bekannte Dimensionen – bestellt. Dank dieser neuen Einrichtung und einer jetzt eigens für die neue Aufgabe angeschafften hydraulischen Kümpelpresse kann das Unternehmen sich als Lieferant der Reichsbahn für lange Zeit eine ertragreiche Beschäftigung sichern. Das zu verarbeitende Kupfer wird von der Metallgesellschaft in Frankfurt am Main beigestellt, was gerade im Hinblick auf die einsetzende Inflation und spätere Währungsreform eine entscheidende Entlastung vom Vorfinanzierungsrisiko bedeutet.

In den übrigen Fertigungsbereichen machen sich Rohstoffmangel und steigender Kapitalbedarf immer stärker bemerkbar. Der Vertrag mit der GHH über die Lieferung von Walzdraht kann 1919 zwar um zwei Jahre verlängert werden, allerdings unter der Bedingung Ware gegen Geld und ohne die bisherige Gewinnteilung. Im gleichen Jahr übernimmt die GHH eine Erhöhung des Aktienkapitals und hält damit, zusammen mit weiteren auf dem Markt erworbenen Aktien, 55% aller Anteile am OKD.

Auch in den folgenden Jahren bleibt die Kapitalbeschaffung ein zentrales Thema der Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen. Die Inflation bringt immer höhere Rohstoffpreise mit sich. Der Vorstoß in neue Erzeugnisprogramme macht Investitionen in Produktionsanlagen, Grundstücke und Gebäude erforderlich; der steigende Mengenumsatz verlangt nach entsprechend umfangreicher Vorfinanzierung.

Die beträchtlichen Investitionen betreffen aber nicht nur die Produktion. Bereits im Jahr 1915 war ein Unterstützungsfonds für die Mitarbeiter eingerichtet worden, der in den Nachkriegsjahren laufend ergänzt wird. 1920 beginnen die Baumaßnahmen für eine Vergrößerung der Badeeinrichtungen für die Belegschaft; 1921 wird ein größeres Wohnungsbauprojekt in Werksnähe in Angriff genommen.

Der anfangs immens hohe Bedarf an Lokomotivfeuerbuchsen geht bald erwartungsgemäß mehr und mehr zurück. Mit den für die Fertigung erworbenen Einrichtungen soll zunehmend Aluminiumhalbzeug produziert werden. Zeitgleich mit der Planung dieser Umstellung wird mit der Kostenkalkulation für Einrichtungen zur Herstellung isolierter Drähte und Leitungen begonnen.

Aufgrund der immer stärker spürbaren Inflation war es mehr und mehr zur Regel geworden, daß der Kunde dem OKD den erforderlichen Rohstoff – vor allem Kupfer – bei Auftragserteilung beistellt. Da allerdings nicht jeder Kunde über die entsprechenden Möglichkeiten verfügt und deshalb immer ein
gewisser Kupfervorrat für die Produktion vorhanden sein muß, wird im Januar 1922 die Einrichtung eines Reservebestandes und die Aufnahme eines dazu erforderlichen Bankkredites beschlossen. Die Vorratsmenge wird zunächst auf 1.300 Tonnen festgelegt. Bis heute wird dieser Rohstoffvorrat – obwohl es sich um Kupfer handelt – als „Eiserner Bestand“ bezeichnet.

Trotz der einschneidenden Auswirkungen der Besetzung des Ruhrgebietes bietet das 50jährige Firmenjubiläum am 1. Juli 1923 genügend Grund zur Freude. Das einen Tag zuvor abgelaufene Geschäftsjahr konnte mit beträchtlichem Gewinn abgeschlossen werden. Aufsichtsrat und Vorstand hatten deshalb eine Reihe großzügiger Zuwendungen beschlossen. Die Stadt Osnabrück kann eine größere Spende in Empfang nehmen; Mitarbeiter und Witwen ehemaliger Mitarbeiter erhalten Sonderzahlungen. Ein hoher Anteil der im Geschäftsjahr 1922/23 erwirtschafteten Gewinne wird in den Mitarbeiterunterstützungsfonds eingezahlt.

Das OKD verfügt an seinem 50. Geburtstag über ein beachtliches Produktionspotential. Die Betriebe umfassen neben einem Schmelzwerk mit Kupferraffinerie und Gießereien für Schwer- und Leichtmetalle mehrere Walz- und Ziehbetriebe, eine Prüfanstalt mit chemischen und physikalischen Abteilungen, eine Wärmeabteilung zur Überwachung der etwa 100 Hütten-Gießerei- und -Glühöfen sowie eine Bau- und Reparaturwerkstatt. Fertigungseinrichtungen für isolierte Drähte und Leitungen sind bereits bestellt, können aber wegen der Besetzung des Ruhrgebietes erst später geliefert werden. Die Jahresverarbeitung von Eisen und NE-Metallen beträgt etwa 34.000 Tonnen; die Belegschaft umfaßt über 2.000 Mitarbeiter – eine Zahl, die aufgrund der sich abzeichnenden Entwicklung in den folgenden Jahren erheblich reduziert werden muß.

In den Monaten nach dem Firmenjubiläum haben die Mitarbeiter, wie alle Bürger, immer mehr unter den Folgen der galoppierenden Inflation zu leiden. An den Zahltagen werden bald schwindelerregende Beträge in Millionen- und Milliardenhöhe ausgezahlt, die nur einen Tag später nahezu wertlos sind. Mit Hamsterkäufen am Zahltag wird daher versucht, den Lebensbedarf weitgehend zu decken – sofern Ware überhaupt verfügbar ist. Die Unternehmensleitung versucht soweit wie möglich, den Nöten der Mitarbeiter entgegenzuwirken. Es wird sogar der Kauf eines Gehöftes oder größerer Ländereien erwogen, um die Versorgung der Werksangehörigen mit Lebensmitteln zu erleichtern. Im November 1923 werden 40.000 Goldmark zur Beschaffung von Fetten bereitgestellt, die in den folgenden sechs Monaten auf die Werksangehörigen und deren Familienmitglieder zu verteilen sind.

Am 15. November 1923 erfolgt die Umstellung von Papier- auf Rentenmark. Am gleichen Tag erhält das OKD die schockierende Nachricht über die Zahlungsunfähigkeit der Reichsbahn und die nahezu vollständige Stornierung sämtlicher Aufträge. Mit einem Schlag war die Hoffnung dahin, sich noch für eine gewisse Übergangszeit mit der Herstellung von Lokomotivbauteilen eine solide Basis für die Fertigung sichern zu können. Zum Ausgleich für diesen Verlust wird in Behelfsbauten rasch der Betrieb des Kaltwalzwerkes aufgenommen. Dadurch kann sich das Unternehmen in erheblichem Umfang an der Herstellung von Münzplättchen für die neuen Rentenmarkmünzen beteiligen; aus der Not geboren entsteht so ein neuer, bis heute wirtschaftlich interessanter Produktbereich.

Dank dieser neuen Fertigung sowie einer erheblichen Ver­größerung der Kupferblechherstellung  und der Aufnahme der Produktion von Blechen aus Aluminium und Messing können noch für einige Zeit Entlassungen vermieden werden, was immer eines der wichtigsten Bestreben des Vorstands war.

In den Geschäftsjahren von 1923/24 bis 1926/27 erleidet das Unternehmen massive Verluste, die auch alle angesammelten Überschüsse aufzehren. Eisen- und NE-Standarderzeugnisse erzielen keine Preise, die den hohen Fertigungskosten gerecht werden. Die Kaufkraft im Inland ist extrem geschwächt, die Absatzmöglichkeiten im Ausland sind stark eingeschränkt.
Die zunehmende Industrialisierung der Staaten, die in der Vorkriegszeit noch auf den Import von Industrieerzeugnissen angewiesen waren, macht sich ebenso negativ bemerkbar wie die neuen, hohen Zollschranken.

Um durch eine neue Produktion einen kleinen Ausgleich für diesen allgemeinen Trend zu schaffen, wird im September 1925 der lange geplante Bau eines Kabelwerkes als dritter Werksteil in Angriff genommen. Hier werden zunächst Schwachstromkabel, ab 1926 auch Starkstromkabel gefertigt. Aber die allgemeine Entwicklung im Markt fordert bald ihre Tribute. Entgegen seiner bisherigen Politik muß der Vorstand im Jahr 1926 erstmalig eine Reduzierung der Belegschaft beschließen. Ab August 1926 setzt sich die Zahl der Mitarbeiter aus 1.300 Arbeitern und 200 Angestellten zusammen; mit
dieser Mindestbelegschaft soll das Unternehmen zunächst weitergeführt werden, damit ein wirtschaftlich noch akzeptables Verhältnis zur Größe des Werkes gewährleistet ist.
Die neue Unternehmenspolitik zielt darauf ab, die mit großem Verlust arbeitenden Betriebe ganz einzustellen und dafür die günstiger arbeitenden voll zu belegen, wenn möglich sogar im Schichtbetrieb.

Zu den wirtschaftlich interessanteren Betrieben zählt in dieser Zeit auch die Kupferschmiede. Mit einigem Stolz präsentiert das OKD anläßlich der Werkstoffschau in Berlin 1927 zum Nachweis der Leistungsfähigkeit in der Werkstoffbearbeitung eine kupferne Riesensudpfanne mit einem Durchmesser von 5 m und einer Schalentiefe von 1,7 m – die bisher weltweit größte aus einem Stück gefertigte Pfanne. Obwohl zunächst überhaupt nicht an eine praktische Verwendbarkeit gedacht war, werden in den folgenden Jahren einige solcher Pfannen an bekannte Großbrauereien geliefert.



Nach über dreißig Jahren unter der ausschließlichen Leitung durch Techniker wird der Vorstand des OKD 1928 durch einen Kaufmann ergänzt. Edwin Schreiber war nach seiner kaufmännischen Ausbildung in London und Antwerpen tätig gewesen, bevor er zur Gutehoffnungshütte kam und dort schließlich Direktor der Betriebsabteilung Gelsenkirchen wurde. Vor seinem Wechsel zum OKD hatte er sich von einem Londoner Fachmann intensiv über das internationale Kupfergeschäft beraten lassen, was ihn in Verbindung mit den bereits im Ausland gesammelten Kenntnissen der englischen Handelsbräuche für seine neue Aufgabe prädestinierte. Schon bald versorgt sich das OKD nicht mehr nur bei deutschen, sondern mehr und mehr bei Londoner Händlern und schließlich auch bei den Kupfererzeugern in Übersee mit dem erforderlichen Rohstoff.

Schreibers Kontakte erweisen sich auch für den Export als äußerst nützlich. Über den Drehpunkt London werden ab Anfang der dreißiger Jahre gewinnbringende Märkte in Indien und Australien erschlossen. Sogenannte Indienbleche aus Kupfer werden in großen Mengen zum Subkontinent geliefert, wo sie in Basaren in Handarbeit weiterverarbeitet werden. Nach Australien werden in hoher Anzahl Eisendrahterzeugnisse wie Weide- und Stacheldraht exportiert.

Zu Anfang der dreißiger Jahre macht sich auch eine neu entwickelte Technologie allmählich bezahlt. Der Schleuderguß war nach dem Ersten Weltkrieg von der deutschen Eisenindustrie auf einen weltweit einzigartigen Entwicklungsstand gebracht worden, begünstigt durch den großen Bedarf an
eisernen Gas- und Wasserrohren. Ein vergleichbarer wirtschaftlicher Anreiz war für den NE-Metall-Schleuderguß allerdings zunächst nicht gegeben.

Beim Schleuderguß wird das gewünschte Erzeugnis durch Eingießen des flüssigen Metalls in eine schnell umlaufende Form hergestellt. Dabei wird das Metall durch die Fliehkraft an die Wandung der Form geschleudert, wodurch nach dem Erkalten des Metalls ein nahtloses Endprodukt entsteht.

Unter der eigenen Bezeichnung OKD-Schleuderguß wird das Verfahren immer weiter verfeinert und für breitere Anwendungsbereiche verfügbar gemacht. Zunächst werden aus-schließlich Erzeugnisse aus Sonder-Messing, vor allem Wellenbezüge für Seeschiffe, gefertigt. Da das Material nicht ganz den Anforderungen der Seeschiffahrt entspricht, wird die Produktion schließlich auf Rotguß und Bronze umgestellt. Die Fertigung erreicht immer größere, europaweit einzigartige Dimensionen: zylindrische Gußstücke von 12 Metern Länge und mit Gewichten bis zu 20 Tonnen werden ebenso hergestellt wie Gautschwalzen, Lagerschalen, Büchsen und Zahnradkränze. Eine der größten deutschen Werften wird mit Schiffswellenbezügen aus Rotguß von über 10 Metern Länge mit 45 cm Innen- und 50 cm Außendurchmesser beliefert. Auch das bekannte Segelschulschiff „Gorch Fock“ erhält einen vom OKD gefertigten Wellenbezug.

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten macht sich zwangsläufig auch in einer Veränderung des Betriebsklimas bemerkbar. Bei der ersten Betriebsratswahl nach dem Regierungswechsel wird zwar nur ein Nazi in den zwölfköpfigen Betriebsrat gewählt, der zuständige Gauinspektor setzt aber bald durch, daß der NSDAP-Mann den Vorsitz übernimmt und die übrigen Mitglieder ihrer Ämter enthoben werden. Der Regierungspräsident ernennt die neuen Mitglieder unter entsprechender Berücksichtigung ihrer politischen Gesinnung. Schon bald wird die neue Ausrichtung mehr als deutlich erkennbar: Die alte Werksfahne in den Farben schwarz-rot-gold mit zwei verschlungenen Händen auf der Rückseite wird durch eine Hakenkreuzfahne ersetzt, die zur Krönung des Ereignisses auch noch von der Belegschaft bezahlt werden muß.

Ab 1933 erwirtschaftet das OKD wieder regelmäßige Gewinne, im letzten Vorkriegsjahr 1938/39 sogar den größten in der bisherigen Geschichte des Unternehmens. Die Zahl der Mitarbeiter steigt wieder an, von etwa 2.500 im Jahr 1933 bis auf rund 3.500 im Jahr 1938.

In diesen Jahren wird die Unternehmensstrategie von zwei entscheidenden wirtschaftspolitischen Faktoren vorgegeben. Zum einen wird die Wettbewerbssituation in der Zeit zwischen den Kriegen weitgehend durch die Entstehung von Verkaufskartellen und -syndikaten bestimmt. Auch das OKD ist Mitglied verschiedener derartiger Absatzverbände, die für ihre jeweiligen Branchen für gleichartige Erzeugnisse Markt­anteile, Lieferungsquoten und einheitliche Preise festlegen. Da diese Verbände dem Hersteller sogar den direkten Verkauf der Erzeugnisse abnehmen, reduziert sich der Vertrieb der vergleichbaren Produkte des OKD im Inland auf eine reine Zuteilungswirtschaft. Dem uneingeschränkten Wettbewerb muß sich das Unternehmen nur noch in den Auslandsmärkten stellen, im Inland bleibt er auf unternehmenseigene, nicht vergleichbare Sondererzeugnisse konzentriert.

Zum anderen wird die Fertigung in der NE-Halbzeugindustrie ab 1933 maßgeblich von der staatlichen Metallbewirtschaftung beeinflußt. Für die unedlen Metalle Kupfer, Blei, Zink und Zinn, die in Deutschland kaum bzw. überhaupt nicht vorkom­men, werden für jedes Unternehmen der Metallindustrie Verbrauchskontingente festgelegt, die sich auf den Bedarf an den entsprechenden Metallen in den vergangenen Jahren stützen.

Diese Werte sind allerdings durch den einsetzenden wirtschaftlichen Aufschwung und die höhere Produktivität aufgrund der Wiederaufrüstung schon bald völlig überholt, und die zugewiesenen Kontingente können den ständig steigenden Bedarf nicht mehr decken. Da dem Import von NE-Metallen wegen der fehlenden Devisen enge Grenzen gesetzt sind, bleibt in vielen Fällen nur die Möglichkeit, im Inland verfüg­bares Ersatzmaterial zu verwenden: Aluminium statt Kupfer; Eisen statt Blei.

Aufgrund dieser Entwicklungen spielt Aluminium für das OKD in Forschung und Fertigung ab 1935 eine immer wichtigere Rolle. Der Ausbau der Abteilung Leichtmetallfertigung dauert bis in die ersten Kriegsjahre. Die Ausgliederung der Leicht­metallprodukte aus dem Metallwerk beginnt zunächst mit der Verlegung der Aluminiumseilerei. Nach einer Erweiterung des Fabrikgrundstücks folgt die Einrichtung eines Aluminiumwalzwerks in zwei neuen Hallen. Schließlich werden ein ­Aluminiumpreßwerk errichtet und eine neue Leichtmetall­gießerei in Betrieb genommen. Die Leichtmetallproduktion verdreifacht sich mengenmäßig während der Kriegsjahre von 2.000 Tonnen auf 6.000 Tonnen jährlich und trägt so wesentlich zum Gewinn des Unternehmens sowie – wie alle Produktionen der deutschen Metallverarbeiter – zur Kriegswirtschaft bei.



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